Vision
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Warum Deutschland eine „Mission Gründungsland“ braucht

Deutschland braucht eine Mission Gründungsland. Nicht als weiteres Strategiepapier in einer Schublade. Sondern als gemeinsames gesellschaftliches Projekt.

Deutschland ist ein Land der Ideen – und gleichzeitig eines des Zögerns und Kleinredens. Wir sind stark in Forschung, Industrie und Ingenieurskunst. Aber wenn es darum geht, aus Ideen schnell neue Unternehmen zu machen, sie wachsen zu lassen und daraus die nächste Welle an Wohlstand, Resilienz und gesellschaftlichem Fortschritt zu bauen, sind wir zu oft zu langsam, zu fragmentiert – und zu leise oder misstrauisch.

Genau deshalb brauchen wir eine Mission Gründungsland.

Nicht als weiteres Strategiepapier in einer Schublade. Sondern als gemeinsames gesellschaftliches Projekt – mit einem klaren Zielbild, messbaren Etappen und einer breiten Allianz von Akteuren, die das Thema Gründung nicht nur „auch wichtig“ finden, sondern strukturell und substanziell vorantreiben.

Gründungen sind ein Systemfaktor

Wenn wir über Gründungen sprechen, denken viele noch immer an junge Leute mit Hoodies, Apps, Pitchdecks – nett, aber nicht wirklich Kern der Volkswirtschaft. Dieses Bild ist nicht nur veraltet, es ist gefährlich. Denn Gründungen sind heute ein Systemfaktor – aus mindestens fünf Gründen:

Innovationsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit
In einer Welt, in der sich Technologien, Geschäftsmodelle und geopolitische Abhängigkeiten rasant verändern, entscheidet Innovationsgeschwindigkeit über Handlungsfähigkeit. Startups bringen genau das: Tempo, Fokus, Mut zur radikalen Lösung.

Produktivität und Zukunftswachstum
Deutschland steht unter Druck: demografischer Wandel, Fachkräftemangel, Investitionsstau. Wenn weniger Erwerbstätige künftig mehr Wertschöpfung sichern sollen, braucht es Produktivitätsschübe. Viele davon entstehen durch neue Unternehmen – besonders dort, wo sie skalieren können.

Transformation zu Klima- und Digitalzielen
Energiewende, Kreislaufwirtschaft, CO₂-neutrale Industrie, digitale Verwaltung – das sind Mammutaufgaben. Wir werden sie nicht allein mit dem Umbau des Bestehenden lösen, so wichtig dieser auch ist. Wir brauchen zusätzlich neue Lösungen, die aus Gründungen entstehen: in CleanTech, GovTech, Health, Bildung, KI und Deep Tech.

Resilienz und Souveränität
Lieferketten, Plattformabhängigkeiten, kritische Technologien: Resilienz entsteht nicht durch „mehr Absicherung“ allein, sondern durch mehr eigene Gestaltungskraft. Neugründungen können neue Alternativen schaffen – wenn Rahmenbedingungen und Kapital dafür vorhanden sind.

Gesellschaftliche Teilhabe und Aufstiegschancen
Gründung heißt auch: Chancen verteilen. Wer gründen kann, gestaltet Zukunft. Aber aktuell ist diese Möglichkeit in Deutschland ungleich verteilt – nach Herkunft, Geschlecht, sozialem Umfeld. Eine Mission Gründungsland muss deshalb Inklusion zur Kernaufgabe machen.

Warum „Mission“ – und nicht nur „mehr Startup-Förderung“?

Deutschland hat bereits Gründungsprogramme, Leuchttürme, Initiativen und engagierte Menschen. Und trotzdem entsteht oft das Gefühl: viel Bewegung, viele Insellösungen und zu wenig koordinierte Durchschlagskraft. Woran liegt das?

Weil das System als Ganzes nicht auf Gründung ausgerichtet ist.

Eine Mission bedeutet: Wir behandeln Gründungen nicht als Einzelthema, sondern als Querschnittsaufgabe – vergleichbar mit der Energiewende. Eine Mission bündelt Aufmerksamkeit, Ressourcen und Zuständigkeiten. Sie schafft Verbindlichkeit: Wer macht was bis wann, und woran messen wir Erfolg?

Eine Mission Gründungsland würde drei Dinge leisten:

Erstens: Ein gemeinsames Zielbild definieren.
Zum Beispiel: Deutschland wird bis 20XYZ eines der führenden Länder für innovative, nachhaltige und inklusive Gründungen – von der ersten Idee bis zum global wettbewerbsfähigen Scale-up. Unser Standort ist so attraktiv, dass Menschen mit dem Ziel der Gründung zu uns kommen.

Zweitens: Prioritäten setzen, statt alles gleichzeitig zu wollen.
Bürokratieabbau, digitale Behörden, Wagniskapital, Talentgewinnung, Transfer aus Hochschulen, öffentliche Beschaffung, Bildung – das sind viele Baustellen. Eine Mission muss sie nicht alle „irgendwie“ erwähnen, sondern konsequent orchestrieren.

Drittens: Governance schaffen – also echte Zusammenarbeit.
Nicht nur runde Tische, sondern klare Rollen, Koordination und Monitoring. Mission heißt auch: Wir hören auf, uns gegenseitig die Zuständigkeit zuzuschieben.

Die oft unterschätzte Rolle der Zivilgesellschaft

Jetzt komme ich zu einem Punkt, der mir besonders wichtig ist: die Rolle der Zivilgesellschaft. Insbesondere jener Organisationen, die Gründungen strukturell oder institutionell fördern – Stiftungen, gemeinnützige Initiativen, Bildungsakteure, Netzwerke, Inkubatoren, Impact-Organisationen, regionale Ökosystem-Bauerinnen und -Bauer, Verbände, Communitys.

Viele von uns arbeiten seit Jahren an den gleichen Engpässen: Entrepreneurial Education, Mentoring, Diversität, Zugang zu Netzwerken, Transfer, Sichtbarkeit von Vorbildern, Unterstützung in der Frühphase. Die offene Frage, ob und inwiefern die Investition in Gründungen überhaupt möglich ist oder sogar Social Return on Invest bietet. Wir tun das häufig dort, wo Märkte nicht greifen und staatliche Strukturen zu langsam sind: an den Rändern. Bei Zielgruppen, in Regionen, in Schulen, in Kommunen, in Communities.

Und genau deshalb ist unsere Rolle so zentral: Wir sind Brückenbauer zwischen Bildung, Wirtschaft, Politik und Menschen, die sonst keinen Zugang zu Gründungsökosystemen haben.

Aber: Diese Stärke wird zur Schwäche, wenn wir vereinzelt auf unseren Inseln bleiben.

Warum wir uns zusammenschließen müssen

Deutschland hat nicht „zu wenig Engagement“. Deutschland hat zu wenig gemeinsames Engagement.

Wenn die zivilgesellschaftlichen Akteure, die Gründungen fördern, nebeneinanderher arbeiten, entstehen typische Probleme:

  • Doppelstrukturen: ähnliche Programme, ähnliche Zielgruppen, wenig Skalierung.
  • Wissensinseln: Best Practices bleiben lokal, Daten sind nicht kompatibel.
  • Geringe Überzeugungskraft: Viele Stimmen, zu viele einzelne Kommunkationsangebote, aber keine gemeinsame Position.
  • Unklare Narrative: Gründung wird mal als Tech-Thema, mal als Sozialromantik, mal als Wirtschaftslobby gelesen – statt als Gesellschaftsprojekt, indem es um nicht weniger geht als einen fundamentalen Baustein unseres Wohlstandes zu sichern.

Eine Mission Gründungsland braucht jedoch ein starkes „Betriebssystem“ aus gemeinsamen Leitplanken, Sprache und Prioritäten. Und hier ist die zivilgesellschaftliche Allianz nicht nur „nice“, sondern notwendig.

Gemeinsam Positionen entwickeln – warum das entscheidend ist

Wenn wir als zivilgesellschaftliche Akteure eine Mission vorantreiben wollen, müssen wir gemeinsame Positionen gegenüber anderen Akteuren entwickeln. Das ist kein Machtspiel, sondern demokratische Notwendigkeit.

Denn die Wahrheit ist: In Aushandlungen haben diejenigen Einfluss, die…

  • konsistent sprechen,
  • datenbasiert argumentieren,
  • konkrete Vorschläge machen,
  • und dauerhaft präsent sind.

Wenn wir das nicht tun, entsteht ein Vakuum. Und dieses Vakuum füllen dann andere, Akteure mit verständlicherweise anderen Perspektiven: Lobbyorganisationen, Einzelinteressen, kurzfristige Standortlogiken oder Diskurse, die Gründung auf einzelne Fragen reduzieren. Der Blick für den gesellschaftlichen Mehrwert, der von Gründungen ausgehen kann, geht verloren.

Zivilgesellschaft kann etwas Besonderes einbringen: eine Perspektive, die Wirtschaftskraft und Gemeinwohl zusammendenkt. Die nicht nur fragt: „Wie werden mehr Unicorns geboren?“, sondern auch: „Wie entsteht breite Gründungsfähigkeit – in der Fläche, vielfältig, nachhaltig und wirkungsorientiert?“

Was eine zivilgesellschaftliche Allianz konkret leisten müsste

Ein Zusammenschluss darf nicht nur symbolisch sein. Er sollte konkrete Funktionen übernehmen – wie eine Art „Wirbelsäule“ der Mission Gründungsland:

Gemeinsames Zielbild & Narrative
Eine verständliche Erzählung, die Menschen mitnimmt: Gründungen sind nicht elitär, sondern gestalten Lösungen – für Arbeit, Klima, Gesundheit, Bildung, Verwaltung.

Gemeinsames Monitoring
Welche Indikatoren zeigen Fortschritt? Nicht nur Anzahl der Gründungen, sondern z. B. Gründungsquote in Regionen, Diversität, Dauer von Verwaltungsprozessen, Zahl der Ausgründungen aus Hochschulen, Skalierungsraten, Zugang zu Kapital.

Policy-Positionen mit Praxisbezug
Keine Wunschlisten, sondern priorisierte Maßnahmen: Was ist „Top X“ für die nächsten XYZ Monate? Was kostet es? Wer ist zuständig?

Koordinierte Pilotierung & Skalierung
Zivilgesellschaft kann schnell testen: Entrepreneurship-Bildung, regionale One-Stop-Shops, Mentoring-Modelle, migrantische Gründer-Communitys, Female Founder Programme. Eine Allianz kann erfolgreiche Modelle bündeln, evaluieren und verbreiten.

Brücken in die Fläche
Die Mission darf nicht nur in Metropolen stattfinden. Zivilgesellschaftliche Akteure sind oft in Regionen verankert und können lokale Ökosysteme aufbauen.

Dialog auf Augenhöhe
Mit Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaft und Medien. Eine Mission gelingt nur, wenn sie nicht als „Startup-Szene fordert…“ wahrgenommen wird, sondern als gemeinsamer Zukunftsvertrag.

Unser Plädoyer: Mission Gründungsland als Code of Conduct

Deutschland kann Gründungsland werden – nicht, weil wir das Wort gut finden, sondern weil wir es dringend brauchen. Für Wohlstand in einer alternden Gesellschaft, die globale Veränderungen schultern muss. Für Transformation, die gelingt. Für Innovation, die nicht zufällig passiert, sondern systematisch ermöglicht wird. Für Teilhabe, die nicht vom Zufall des Elternhauses abhängt.

Und ja: Der Staat muss liefern – bei Bürokratie, Digitalisierung, Finanzierung, Regulierung und Beschaffung. Die Wirtschaft muss liefern – bei Kooperation, Aufträgen, Investitionen, Offenheit. Die Wissenschaft muss liefern – bei Transfer und Ausgründungen.

Aber die Zivilgesellschaft muss ebenfalls liefern – und zwar etwas, das sonst niemand liefern kann: Koordination, Gemeinwohlperspektive, Zugang, Vertrauen und kulturellen Wandel.

Genau deshalb ist jetzt der Moment, diese Kraft stärker zu bündeln: Wer an einer gemeinsamen Erzählung, abgestimmten Prioritäten, Monitoring und skalierbaren Piloten mitarbeiten will, ist eingeladen, sich an der Mission Gründungsland zu beteiligen – nicht als weiteres Logo in der Landschaft, sondern als Teil eines gemeinsamen Betriebssystems, das Wirkung ermöglicht.

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