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Julia Gundlach
11. Dezember 2019

Von Nachbarn lernen: Eine Exkursion durch die schwedische Innovationslandschaft

Auf der Suche nach neuen Wegen, um den Innovationsrückstand zur Weltspitze aufzuholen, suchen die meisten nach Vorbildern im Silicon Valley oder in Fernost. Dabei lohnt sich zuerst der versierte Blick in unsere Nachbarschaft, vor allem im Norden. Die Skandinavier vollbringen derzeit im Stillen manche kleine Revolution.

Deutsche assoziieren Schweden gerne mit wunderschöner Natur, gemütlichen rot-gestrichenen Ferienhäusern und köstlichen Zimtschnecken. Doch wenn man den Global Innovation Index 2019 liest, sollte man bei Schweden statt an Gemütlichkeit lieber an Innovationskraft denken. Denn der von der World Intellectual Property Organization (WIPO) herausgegebene Index, der 129 Länder nach 80 Kriterien bewertet, zeichnete Schweden dieses Jahr als zweitinnovativstes Land aus. Deutschland findet sich im dritten Jahr in Folge auf dem neunten Platz ein.

Eine gut entwickelte Infrastruktur, ein innovativer Unternehmenssektor, hohe Ausgaben für Forschung und Entwicklung, internationale Patent- und Markenanmeldungen – all das sind harte Fakten, die darlegen, warum nur die Schweiz noch besser dasteht als Schweden. Zahlen und Analysen sind jedoch nur ein Teil des Eindrucks, den man über die schwedische Innovationskraft gewinnen kann. Einen umfassenderen Einblick gewinnt man, wenn man sich persönlich vor Ort von der Dynamik der Schweden überzeugen kann.

Innovationspartnerschaft nicht nur auf Papier

Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) geförderte Forum Digitale Technologien dient als Vernetzungsplattform für Innovationsprojekte im Bereich von Künstlicher Intelligenz (KI), Big Data, Internet of Things und Blockchain. Zur Unterstützung der Projekte werden regelmäßig internationale Roadshows organisiert, um andere spannende Ökosysteme kennenzulernen und neue Kooperationen zu initiieren. Im Sommer dieses Jahres war Stockholm das Ziel einer 14-köpfigen Delegation von Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft, Verbänden und Ministerien, um sich mit schwedischen Partnern zu den Themen Datenanalyseplattformen und KI auszutauschen. Schweden wurde insbesondere deswegen als Reiseziel ausgewählt, weil im April die seit 2017 bestehende Deutsch-Schwedische Innovationspartnerschaft um die Themen Batterien und Künstliche Intelligenz ergänzt wurde. Damit nun aus einer auf vier Seiten niedergeschriebenen Innovationspartnerschaft eine dynamische Zusammenarbeit entsteht, müssen sich vor allem gute Partner auf allen Seiten finden. Während der Roadshow wurde schnell deutlich, dass sich in Schweden eine wahre Fülle an spannenden Möglichkeiten dafür bietet.

Die Vasa – eines der modernsten Schiffe der Neuzeit – Schweden mit reicher Industriegeschichte, aber auch heute alles andere als museal © Foto: Monika Neumann

Aushängeschild der Innovationskraft in Schweden ist sicherlich die Innovationsagentur Vinnova. Die staatliche Förderagentur hat den Auftrag, Schwedens Innovationkapazität auszubauen und zu nachhaltigem Wachstum beizutragen. Dafür hat Vinnova ein jährliches Budget von etwa 300 Millionen Euro und ruft damit regelmäßig zu Ausschreibungen und Wettbewerben auf. Vinnova fördert dabei insbesondere Kooperationen, Startups und neuartige Ansätze in den Bereichen Smart Cities, Transport, zirkuläre Wirtschaft, Life Science sowie vernetzte Industrie und neue Materialien. Übergreifendes Leitbild sind dabei die 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen. Sehr erfolgreich läuft die Zusammenarbeit von Vinnova und dem deutschen Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM), die gemeinsam bereits die vierte Ausschreibung für bilaterale Projekte planen. Für die Betreuung von insgesamt über 4.000 Projekten sitzt der Großteil der 200 Mitarbeitenden von Vinnova mitten im quirligen Stockholm in Büroräumen, die eher an Google denn an eine Behörde erinnern: Die Wände sind grün, die Sessel bunt und die Räume offen.

Vinnova, die schwedische Innovationsagentur © Vinnova

100 Testumgebungen im Land verteilt

Einen kurzen Spaziergang durch die lebendige Einkaufsstraße von Stockholm entfernt kommt man zum nicht weniger modern anmutenden Epicenter, das sich selbst als „Digital House of Innovation“ bezeichnet. 2015 wurde es „von Unternehmern für Unternehmer“ geschaffen und setzt sich das ehrgeizige Ziel, eine Gemeinschaft von über 500 Firmen zusammenzubringen. Dabei geht es nicht nur darum, eine hippe Arbeitsumgebung zu schaffen, sondern die Mitglieder aktiv zu vernetzen und zu inspirieren. Während in den oberen Stockwerken erfolgreiche Firmen wie iZettle, Telia oder das Innovationsteam von Volvo arbeiten, tüfteln junge Gründerinnen und Gründer in den Coworking Spaces im Erdgeschoss. Innovation zeigt sich auch am Handgelenk eines Mitarbeiters des Epicenter, der die Türen durch einen implantierten NFC-Chip öffnet.

Etwas konventioneller – wenn auch vielleicht nur in der Türöffnungstechnologie – geht es bei den Research Institutes of Sweden (RISE) zu. Unter dem gemeinsamen Dach von RISE arbeiten über 2.800 Mitarbeiter in 16 verschiedenen Unterorganisationen, die teilweise oder ganz dem schwedischen Staat gehören. Gemeinsame Mission von RISE ist der Fokus der Forschungsprojekte auf Nachhaltigkeit und der Lösung großer gesellschaftlicher Herausforderungen. Dabei bietet sich RISE als Innovationspartner insbesondere durch Testumgebungen an, von denen über 100 im ganzen Land verteilt sind. Viele Firmen und Forschende machen sich mit RISE so auf den Weg, ihre neuartigen Ideen zu überprüfen. In der Deutsch-Schwedischen Innovationspartnerschaft ist festgehalten, dass insbesondere im Bereich Industrie 4.0 ein enger Austausch zwischen RISE, der Fraunhofer-Gesellschaft und dem Labs Network Industrie 4.0 entstehen soll. Außerdem erarbeitet RISE mit der Applied AI Initiative aus München Landkarten von KI-Startups und fördert den bilateralen Austausch von Startups.

Private Wissenschaftsförderung als Ergänzung

Sowohl Deutschland als auch Schweden haben 2018 KI-Strategien veröffentlicht und Schweden legt in seiner Strategie einen klaren Fokus auf die vier Felder (Aus-)Bildung, Forschung, Innovation und Infrastruktur. Neben öffentlichen Investitionen in Vinnova und RISE sind insbesondere zwei neue Strukturen entstanden: AI Competence for Sweden und die Agency for Digital Government (DIGG). DIGG verantwortet seit September 2018 die Koordinierung von Digitalisierungsprojekten, um hohe Komplexität und Fragmentierung in der öffentlichen Verwaltung zu reduzieren. Als zentraler Ort für die Digitalisierung des öffentlichen Sektors soll DIGG digitale Projekte der Regierung und Investitionen in Technologien einschätzen, kontrollieren und evaluieren. AI Competence for Sweden ist auch 2018 als nationale Initiative für (Weiter-)Bildung und lebenslanges Lernen im Bereich KI gestartet. Mit einem Budget von vier Millionen Euro und sieben teilnehmenden Universitäten ist eine Wissensplattform entstanden, die digitale Kursangebote in bereits 13 Themenfeldern zusammenträgt. Ein besonders erfolgreicher Kurs ist Elements of AI, der die Grundlagen von KI vermittelt, bereits in drei Sprachen übersetzt wurde und aktuell auch ins Deutsche übertragen wird.

Neben der staatlichen Förderung gibt es in Schweden auch eine besonders großzügige Wissenschaftsförderung aus privater Hand: das Wallenberg AI, Autonomous Systems and Software Program (WASP) der Wallenberg Stiftung. Mehr als 350 Millionen Euro werden innerhalb von zehn Jahren für strategisch motivierte Grundlagenforschung sowie Ausbildung und die Rekrutierung von exzellenten Forschenden von der Stiftung einer der reichsten schwedischen Familien zur Verfügung gestellt. Dabei steht die Kooperation mit der Industrie sowie den wichtigsten Universitäten des Landes im Mittelpunkt.

Erfolgsfaktoren Transparenz, Kommunikation und Kooperation

Wer etwas mehr Zeit für die Exkursion durch Schwedens Innovationslandschaft mitbringt, kann mit einem Abstecher nach Göteborg noch eine weitere spannende Initiative kennenlernen: Von der Innenstadt nur eine kurze Fährfahrt entfernt sitzt seit April 2018 mitten im modernen Lindholmen Science Park AI Innovation of Sweden. Das nationale Zentrum für anwendungsorientierte KI-Forschung und Innovation soll zum Motor des schwedischen KI-Ökosystems werden. Durch das Netzwerk aus kleineren und großen Unternehmen wird ein industrieübergreifendes Ökosystem geschaffen, das Kooperationen fördert und Akteure aus verschiedenen Anwendungsbereichen zusammenbringt.

Der Lindholmen Science Park bei Göteborg © Jan Breitinger, Bertelsmann Stiftung

Wenn man dann auf der Fährrückfahrt die Eindrücke aus Schweden noch einmal Revue passieren lässt, hat man ein starkes Gefühl, welche Erfolgsfaktoren für die Innovationskraft entscheidend sind: Transparenz, Pragmatismus und flache Hierarchien. Fundament dafür ist in Schweden die überaus große Kooperationsbereitschaft: In den nordischen Städten tauscht man sich offen, direkt und schnell aus und so weiß eigentlich jeder über alle relevanten Initiativen Bescheid. Diese Art der Kommunikation und des Kooperationswillen gilt es auch in Deutschland zu stärken, um auch bei uns aus vielen guten Ideen gemeinsam echte Innovationen zu schaffen.

Göteborg – Nachgesagte Eigenschaften: Modern und innovativ, entspannt und kommunikativ, leistungsorientiert und menschlich © Foto Pasi Mämmelä

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