Recycling
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Der Digitale Produktpass: Mehr als reine Regulatorik

Mit den richtigen Rahmenbedingungen kann der DPP zu einem Motor echter Kreislaufwirtschaft werden. Doch noch hapert es bei der Umsetzung in vielen Unternehmen, wie eine Studie für Baden-Württemberg zeigt.

Ob Auto, Waschmaschine oder Winterjacke – selten wissen wir, welche Materialien, Prozesse und Wege sich hinter den Dingen unseres Alltags verbergen. Diese Informationen sind allerdings angesichts fragiler Lieferketten, der Endlichkeit fossiler Ressourcen und der ökologischen Belastung durch Neuproduktion äußerst relevant: Sie sind nötig, damit eine Kreislaufwirtschaft wirklich gelingen kann.

Die Europäische Union treibt daher mit dem Digitalen Produktpass (DPP) einen tiefgreifenden Wandel voran. Initiativen wie der European Green Deal und die Ökodesign‑Verordnung setzen der Branche ambitionierte Nachhaltigkeitsziele. Der DPP bündelt produktspezifische Nachhaltigkeitsinformationen in einem einheitlichen Datensatz – etwa Herkunft, Materialzusammensetzung, Energiebedarf, CO2‑Bilanz sowie Angaben zu Reparatur, Demontage und Recycling.

Diese Daten werden über den gesamten Produktlebenszyklus erhoben und sind für Hersteller, Händler, Recycler, Behörden und Kunden nutzbar. In standardisierter Form schafft der DPP Transparenz, fördert kreislaufwirtschaftliche Prozesse und liefert Entscheidungsgrundlagen für nachhaltiges Handeln. Mit dem DPP erhält die Idee der Produkttransparenz ein digitales Rückgrat und hat das Potenzial, unsere Wirtschaftsweise grundlegend zu transformieren.

Studie zum Stimmungsbild in Baden-Württemberg

Wie weit sind Unternehmen bei der Einführung des DPP? Welche Chancen und Hürden zeigen sich in der Praxis? Welcher Aufwand ist nötig und wo liegt der Mehrwert jenseits der Pflicht? Diesen Fragen gingen wir am Fraunhofer IAO in einer Studie für Baden-Württemberg nach.

Die Bereitschaft, sich mit dem DPP auseinanderzusetzen, ist demnach da – aber sehr unterschiedlich ausgeprägt. Viele Unternehmen beschäftigen sich inzwischen mit der Kreislaufwirtschaft, doch deutlich weniger messen konkret die Nachhaltigkeit ihrer Produkte oder haben schon Instrumente dafür implementiert. Einige Firmen starten bereits erste Initiativen, um den künftigen DPP -Anforderungen zuvorzukommen.

Auffällig ist vor allem die Lücke im Wissen. Nicht alle Unternehmen kennen das Konzept des DPP ausreichend, um unmittelbar zu handeln. Das bedeutet: Es gibt eine Minderheit an Akteuren und Vorreitern, die sich auf die Einführung des DPP einstellen, aber auch viele, die noch Informations‑ und Unterstützungsbedarf haben.

Die Befragung zeigt zudem, dass Unternehmen eine Vielzahl von Technologien als wichtig für die Einführung des DPP ansehen und nennt klar die technischen Bausteine. Unternehmen legen hier einen Fokus auf Sicherheit, Effizienz und Interoperabilität:

  • Verschlüsselungstechnologien: Schützen vertrauliche Daten und verhindern Datenverlust sowie Datenmanipulation.
  • ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning): Integrieren verschiedene Geschäftsprozesse und ermöglichen eine effiziente Ressourcenplanung und -verwaltung
  • Qualitätsmanagement-Systeme: Unterstützen Unternehmen, die Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen zu überwachen und zu verbessern

Chancen: Mehrwert über die Regulierung hinaus

Viele Unternehmen erkennen im DPP einen strategischen Mehrwert als multidimensionales Instrument über den rechtlichen Rahmen hinaus – bessere Datenqualität und dadurch Schaffung von Transparenz sowie stärkere Kreislaufprozesse. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie versprechen sich durch die Einführung des DPP eine Optimierung ihres Energieverbrauchs und eine Vereinfachung der CO2-Bilanzierung.

Zusätzlich rücken Themen wie Predictive Maintenance oder Ökodesign in den Fokus, was wiederum die Tür für neue Geschäftsmodelle öffnet. Die Auswirkungen der Kreislaufwirtschaft auf Geschäftsmodelle sind ein zentrales Thema in der heutigen Unternehmenslandschaft. Angesichts der globalen Herausforderungen hinsichtlich Ressourcenknappheit, Umweltschutz und nachhaltigem Wirtschaften gewinnen die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft zur Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit zunehmend an Bedeutung. Unternehmen sehen sich veranlasst, ihre Geschäftsmodelle zu überdenken und anzupassen, um Anforderungen von Kunden und Regulierungsbehörden gerecht zu werden und dadurch wettbewerbsfähig zu bleiben. 

Hemmnisse, Risiken und die technologische Basis für den Erfolg

Die Mehrheit der Befragten zeigt sich offen für die Einführung des DPP, sofern der Datenschutz gewahrt wird und der Aufwand in einem vertretbaren Rahmen bleibt. Doch die konkrete Implementierung steckt vielfach noch in den Anfängen und gleichzeitig bremsen Hemmnisse: heterogene IT‑Landschaften, der Schutz geschäftskritischer Informationen sowie begrenzte Ressourcen.

Darüber hinaus nannten die Unternehmen konkrete Hindernisse, die sie für eine verbesserte Kreislaufwirtschaft in ihrem Betrieb sehen: Unklare regulatorische Vorgaben und mangelnde Akzeptanz bei Mitarbeitenden werden als Hauptprobleme wahrgenommen. Hinzu kommen fehlende finanzielle Anreize, begrenzte interne Expertise und technische Limitationen.

Viele Unternehmen sehen ihre direkte Einflussnahme auf die Kreislauffähigkeit begrenzt – oft spielen Zulieferer und die Entscheidungen der Kunden eine größere Rolle, und Probleme wie die schwierige Trennbarkeit von Materialien schränken die Rückführbarkeit ein.

Gleichzeitig wird klar: Kreislaufwirtschaft ist mehr als Regulierun. Sie ist ein Potenzial, das aber nur mit klarem Innovationsmanagement und abgestimmten Prozessen gehoben werden kann. Deshalb sind Firmen grundsätzlich offen für Instrumente wie den DPP, verlangen aber Datenschutzgarantien und praktikable Umsetzungsaufwände. Genau hier setzen technologische und organisatorische Maßnahmen an: ohne vernetzte Systeme, Standards und Governance bleibt viel Potenzial ungenutzt. 

Wie viel Arbeit verlangt der Digitale Produktpass?

Für einen funktionierenden DPP braucht es vor allem eines: vertrauenswürdige und digital verfügbare Daten. Die Realität unter den befragten Unternehmen weist hier ein heterogenes Bild auf – manche Daten sind belastbar, andere fehlen oder sind nur mit großem Aufwand zu beschaffen.

Bei den Basisinformationen sieht es vergleichsweise positiv aus: Identifikationsdaten, allgemeine Produkteigenschaften und Konformitätsangaben liegen oft digital vor und sind relativ einfach zu erheben – viele Firmen haben hier bereits etablierte Prozesse. Anders bei Material- und Substanzangaben sowie Produktkennzeichen: Diese sind häufig nicht digital verfügbar und die Beschaffung ist aufwendig, weil genaue und vollständige Informationen in der Lieferkette fehlen.

Noch anspruchsvoller sind Nachhaltigkeits‑ und Kreislaufdaten. Abgesehen von Sicherheitsanforderungen sind relevante Angaben zu Ressourceneffizienz, Recyclingfähigkeit oder Umweltwirkungen meist nicht digital verfügbar. Die Erhebung ist durchweg mit hohem Aufwand verbunden, was die Datengrundlage für belastbare Nachhaltigkeitsbewertungen erschwert.

Auch Reports, Leistungsdaten und Haltbarkeitsinformationen sind oft fragmentarisch. Spezifische Berichte wie Due‑Diligence‑ oder freiwillige Nachhaltigkeitsreports erfordern viel Arbeit. 

Warum der Digitale Produktpass mehr ist als reine Regulatorik

Die Analyse zeigt vor allem eines: Das zentrale Hindernis für die Umsetzung des DPP liegt in der fragmentierten IT-Landschaft vieler Unternehmen. Unverbundene Systeme und isolierte Daten erschweren das Sammeln, Validieren und Teilen von Produktinformationen – und bremsen damit sowohl den DPP als auch eine funktionierende Kreislaufwirtschaft.

Gleichzeitig eröffnet der DPP beträchtliche Chancen. Werden Standards, Plattformen und Förderprogramme zielgerichtet weiterentwickelt, kann der DPP weit über reine Compliance hinauswirken: Er kann Rückverfolgbarkeit erleichtern, Reparatur- und Rücknahmeservices unterstützen, CO2-Bilanzen vereinfachen und neue Geschäftsmodelle ermöglichen.

Unser Projekt zeigt hierzu konkrete Ansatzpunkte – und macht deutlich, dass sich mit solchen DPP-basierten Modellen auch wirtschaftlicher Nutzen und neue Erlösquellen erschließen lassen, etwa durch modellbasierte Product Carbon Footprint-Berechnungen oder designseitige Maßnahmen zur Steigerung der Kreislauffähigkeit.

Damit insbesondere KMU profitieren, braucht es praktikable Werkzeuge, klare Regeln und interoperable Infrastrukturen. Welche Wirkung ein funktionierender DPP entfalten kann, zeigt ein Blick zurück auf Auto, Waschmaschine oder Winterjacke: Würden Herkunft, Zusammensetzung, Reparierbarkeit und Demontageinformationen digital verfügbar sein, ließen sich hochwertige Materialien gezielt zurückgewinnen, Umweltwirkungen transparenter darstellen und Rücknahmesysteme effizienter gestalten. Der DPP könnte genau diese Informationslücke schließen – und damit verhindern, dass wertvolle Rohstoffe verloren gehen oder Fahrzeuge unter prekären Bedingungen zerlegt werden.

Mit den richtigen Rahmenbedingungen kann der DPP so zu einem Motor echter Kreislaufwirtschaft werden – mit Ressourceneinsparungen, Wettbewerbsvorteilen und mehr Transparenz für Verbraucherinnen und Verbraucher. Die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse bieten dabei nicht nur Impulse für Baden-Württemberg, sondern können auch anderen Regionen als Orientierung dienen. Voraussetzung ist, dass Politik, Wirtschaft und Forschung nun die dafür benötigten Infrastrukturen und Standards schaffen.

 

 

 

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